Indect für alle

Ist INDECT eklig? Oder: Warum haben wir eigentlich ein Problem mit INDECT

und worum handelt es sich dabei überhaupt?

INDECT zielt aus unserer Sicht auf die Errichtung des Mess-Anteils eines umfassenden soziokybernetischen Regulationssystems1. In den INDECT-Projekten werden derzeit die Kenntnisse erworben, welche erforderlich sind für die zentralisierte Überwachung sämtlicher informations- und kommunikationsbezogener Teilsysteme einer Gesellschaft. Ob facebook-Chat, Telefongespräch, Fahrzeugnavigation, Emailversand, Internetsuche, Stromentnahme oder PayBack-Kartenzahlung – Ziel der INDECT-Projekte ist die Integration sämtlicher von jedem zu jeder Zeit erzeugten Daten innerhalb einer zentralisierten Echtzeitauswertung. Der Überwachungsstaat.

Richtig spannend, also RICHTIG SPANNEND, wird das ganze, sobald

  • neben dem Informations- und Kommunikationsaspekt auch die Aspekte der zwischenmenschlichen Interaktion und der Partizipation überwacht werden,
  • ein öffentlicher API-Zugang zur Zentralstruktur besteht und
  • diesem Mess-System ein Rückkopplungspartner gegenübergestellt wird, also ein Regulationssystem entsteht (das ist so ähnlich wie mit demThermostat und der Heizung). Dann wird der Mensch und alles was er tut nicht mehr nur gemessen, sondern auch geregelt. Ob Verkehrsfluss, nationale Sicherheit oder Konsumentscheidung, wir werden nichts mehr davon wirklich freiwillig unternehmen.

Warum das spannend wird? Nun ja – Stellt euch eine Welt vor, in der euch euer Handy über Sonderangebote aus eurer jeweilig aktuellen Nachbarschaft informiert, eure Brille euch mit Zusatzinformationen über betrachtete Mitmenschen versieht, die Werbewand, an der ihr vorbei geht, das Wunschurlaubsziel zeigt.

Die Sonderangebote passen zu dem Gespräch mit dem Freund von vor fünf Minuten, der euch bislang völlig unbekannte Typ lächelt plötzlich echt süß, von dem wirklich ziemlich interessant klingenden und supergünstigen Urlaubsziel habt ihr vorher noch nie gehört.

Euer Leben wird ganz, ganz toll. Und total einfach. Wirklich. Alles wird suuuper 8-) Ihr braucht gar nichts mehr zu tun, alles kommt von ganz alleine. Immer und überall. Und wenn ihr mal traurig seid oder wütend, leuchten überall bunte Blumen und liebe Gesichter von den Wänden. Und wenn eure Großeltern mal erzählen, wie das damals war, als man noch so lange überlegen musste wegen der Berufswahl und der richtigen Freundin und so, da wisst ihr gar nicht wovon die reden – steht heute doch alles im Display.

Alles kein Problem?

Nö, eigentlich kann das sogar ziemlich cool werden – zumindest sobald und solange

  • sich an der Schwelle zwischen Fertigstellen des Mess-Systemteils und Inkraftsetzen des Rückkopplungsteils keine Militärdiktatur oder etwas ähnlich Demokratiefeindliches mit dem Ziel der Steuerung Vieler im Sinne Weniger dazwischen schiebt,
  • jeder von jedem erfahren kann, was dieser sich gerade ansieht, ohne dass irgendwer damit Probleme kriegt, und
  • jeder Bürger als mündiger und gleichberechtigter Teilhaber seines Staates handelt.

Unsere aktuelle Arbeitshypothese lautet daher:

Solange wir als Gesellschaft noch keine absolute Transparenz in allen Bereichen geschaffen haben, welche grundsätzlich jeder Bürger auch wahrzunehmen im Stande ist, steht INDECT im Kontext eines totalitären Alptraums aus konsumgetriebener Fremdsteuerung, Polizeistaat und individueller Entmündigung.

Transparenz ist grundsätzlich auf dem Vormarsch – sobald die Leute über genügend Systemwissen verfügen, also wissen, wie sie wen weswegen ansprechen können, wikileaks funktioniert wie eine Tageszeitung und Mr. Facebook die erste Milliarde an Nutzerprofilen voll-veröffentlicht hat, um danach den Löschen-Button zu demontieren, wissen wir endgültig was gemeint ist.

INDECT und alles, was danach kommt, wird jedoch zum Evolutionsbooster, sobald ein “wir alle” an die Stelle von “wir und die da” oder “ich und der Staat” getreten ist. Der Weg scheint weit, lang und steinig – die repräsentative Demokratie muss ein fundamentales Update erfahren, Funktionäre und Amtsträger (ernannte wie gewählte) sowie Globalinvestoren (private wie institutionelle) müssen ihr Wirken neu erkennen, auch wird Schulpflicht neu begriffen werden müssen, damit die Menschen innerhalb ihrer Lebenszeit eine reale Chance erhalten zum Erwerb der Kenntnisse, die sie brauchen werden, um mit dem Gesamtsystem mündig umzugehen – denn spätestens DANN wird Dummheit ein Staatsvergehen.

Das wird noch spannend. Und Ihr seid dabei.

Alle.

Viel Spaß.

Das Kleingedruckte

1 – Soziokybernetische Regulationssysteme haben aktuell Namen wie “Familie”, “Partnerschaft”, “Fernsehen” oder “Bundestagswahl”. Sie dienen dem unmittelbaren oder mittelbaren Abgleichen von Verhalten zweier oder mehrerer Menschen zwischeneinander. Nichts Neues also. Neu an INDECT und dem, was darauf folgt, wird die vollständige Automatisierung und Maschinisierung der Einschätzung und Bewertung menschlichen Verhaltens sein. Auch die Regeleingriffe werden durch Maschinen beschlossen und durchgeführt werden. Wenn alles schief läuft, werden Sie von einer Drohne von der Straße abgeräumt, weil Sie sich am falschen Ort zu schnell in die falsche Richtung bewegen, und niemand bemerkt es. Gleichzeitig werden wir uns vielleicht wünschen, dass unser Verhalten innerhalb des Systems niemals bis auf Operatorebene hocheskaliert wird, weil dann der Ärger richtig beginnt.

Eine Antwort auf Indect für alle

  1. brainbureau sagt:

    Auf dem Congress des Chaos Computer Clubs 2010 ergab sich die Gelegenheit, den obigen Text zwei polnischen INDECT-Forschern vorzustellen. Hier ist die Antwort der Forscher:

    “It was interesting to talk to you in Berlin last month. Please find some comments to your text made by my colleague dr (Name entnommen) and myslelf. We hope that this will help to have a better view of the project and how it is publicly presented and commented.
    ——–
    “INDECT ist eklig” (“INDECT is disguisting”)
    We are sorry, but starting with such title, means biasing the whole article.

    “In the INDECT projects are currently being acquired skills which are required for centralized monitoring of all information and communication-related subsystems of society.”
    This not exactly true, the research is aiming at monitoring selected criminals threats and not the society as a whole. Any tools implemented by services providing security should obey national and European regulations.

    “Whether Facebook chat, phone conversation, vehicle navigation, emailing, Internet search, current consumption or payback card – INDECT goal of the projects is the integration of all anyone at any time within a centralized data generated by real-time evaluation.”
    No research is conveyed on sensitive data like Facebook chat, phone conversation, current consumption or payback card. For other sources, like vehicle navigation, takes place targets only specific, predefines suspect resources.

    “The surveillance state”, “INDECT is in the context of a totalitarian nightmare of consumer-driven foreign control, police state”
    Given the above, this is not an objective at all. Please note that analyzing the information that criminals give available about themselves in public spaces (e.g. publish on Facebook), cannot be classified under surveillance state. To fully answer the question we should firstly agree on the basic issues: does society need police services? is police authorised to use tools which allow it for efficient fighting crimes and threats for individual citizens and society as a whole?

    “human interaction and participation will be monitored”
    As mentioned before, monitoring is limited do preselected criminals, not “humans” as a whole. The process is just an automation of current police work.

    “A public API access to the central structure”
    No public access to INDECT components is planned, the end-users are interested national police departments.

    “a regulatory system is created”
    The INDECT project is a research project, there are no legislative activities planned by the project. The rest of article (“you inform your cell phone about special offers from your respective current neighbourhood, your glasses to you provide you with additional information on watched others, the advertising wall that goes past her, the ideal holiday destination displays”) is actually far beyond the scope of INDECT research project, sounding more like a futuristic view of technological applications, so we do not comment it. As transparency issues have been mentioned in the article, we would like to notify that all relevant information of the INDECT project have been, are and will continue to be made publicly available on the project’s website: (www.indect-project.eu).

    We hope that these answers and comments are helpful.
    We are open to any questions related to the scope of the project.”

Hinterlasse eine Antwort