Das war vielleicht mal anders, aber nach etlichen Jahrzehnten bürgerlicher Demokratie erinnert sich niemand mehr dran.
brainbureau wundert sich weder über die unterschwellige Leichtigkeit, mit der ein adliger Minister sich über die Status-Grundlagen der Bildungs- und Leistungsgesellschaft hinwegzusetzen versucht hat, noch über den damit einher gehenden Aufschrei des Bürgertums.
Das hat hunderte Jahre funktioniert: die Elite des Landes lässt es mit Bildung und Leistung ruhig angehen, weil man schließlich von Geburt an herrscht. Die Untertanen verstehen eh nix, und solange sie an Lichtgestalten glauben können, bleiben sie ruhig und folgsam.
Irgendwann hat das herangewachsene Bürgertum aber keine Lust mehr zum Bezahlen des ganzen, zumal viel versteuert, wer viel hat. Um das endlich umzubiegen, sucht man sein Heil in der parlamentarisch-repräsentativen Demokratie. Die Parlamente erstreiten sich die Verfügungsgewalt über die Staatsfinanzen, man füllt die Reihen mit seinesgleichen und nennt sich fortan “die Mitte”. Der große wie der kleine Mann werden ‘rausgedrückt, Monarchie wie Kommunismus als Un-Optionen wegargumentiert. Was so schlimm nicht ist, denn “die Mitte”, das sind ja wir alle.
Anfänglich. Doch nach einigen Jahrzehnten Budgetverwaltung und parlamentarischer Gesetzgebung ist Bildung teuer; die Bürger haben beim Geldvermehren nicht aufgepasst, und nun ist Bildung ein riesen Geschäft. Leistung ist auch teuer, denn immer mehr potentielle Leistungsträger werden alt oder krank. Das Gesamtsystem aber verlangt nach stetem Befüllen mit Bildung und Leistung.
Da platzt ein adliger Bundesminister in eine der identitätsstiftensten Paradedisziplinen des Bürgertums, die akademische Bildung. Er gibt vor, ihn, den Upperclass-Ausweis der Bildungs- und Leistungselite, die Doktorwürde, erlangt zu haben, hat aber gelogen.
Nachdem man etliche Jahre das Leistungsmonopol gehütet hat und damit auch den Zugang zur Macht, soll nun wieder der gutte Name reichen? Auch wenn man sonst nichts hat, als Doktor ist man wer. Und nun offenbart ein Von-und-Zu, wie korrumpiert dieses Konzept inzwischen ist. Das linke Bürgertum wie das liberale empören sich lauthals, selbst das öffentlich-rechtliche TV kocht das Thema auf.
Weil Minderleister solidarisch sind, Bildungsferne verbindet und smart-gegelter Adel als Führungsqualifikation in manchen Kreisen genügt, stellt sich ein überraschend großer Teil der Gesellschaft hinter den Mann. Die Lichtgestalt der kleinen Leute zeigt Nahbarkeit: seht, er, den wir haben kommen sehen, uns zu retten und zu führen, wird geschlagen von jenen, die sich uns überlegen wähnen. Sein Handeln entspricht ihren Regeln nicht, und sie fordern Unterwerfung. Halte durch! Doch er hält nicht. Und tritt zurück. Dolchstoß der Neider! Ein Mythos ist geboren.
So stirbt der Politiker den medialen Heldentod. Gerade noch rechtzeitig. Eigentlich sollte der Mann eine parlamentarisch beschlossene Militärreform umsetzen. Und Berufsarmeen speisen sich traditionell von vielen kleinen und wenigen großen Männern. Was “der Mitte” – und da sind sich die linke, die liberale und die konservative einig – ganz recht ist, sollen doch die Armen und Nutzlosen sterben für Lithium, Erdöl und Seltene Erden.
Und bevor sich unser Reservekönig wirklich die Finger schmutzig machen kann, kriegt den Umbau zur bodentruppenlastigen Besatzungsarmee ein hugenottischer Bildungsleister zur Durchführung hingeschoben. Soll der den Drecksjob machen, unseren Obergefreiherrten reaktivieren wir uns später.
Übrigens: Die Geschichte lehrt uns, Demokratie ist entwicklungsfähig – schauen Sie selbst…